Leaky Gut-Syndrom und Silent Inflammation

Unsere Darmbarriere erfüllt viele Aufgaben. Sie ist die Grenzschicht zwischen der äußeren Welt und unserem Körper. Nur eine dichte und optimal versorgte Darmbarriere kann Nährstoffe optimal absorbieren und unseren Körper vor Schadstoffen schützen. Ist die Darmbarriere jedoch undicht (Leaky Gut-Syndrom), können unverdaute Nahrungsbestandteile und Toxine unkontrolliert die Grenzschicht passieren und Entzündungen in unserem Körper auslösen. Ein Leaky Gut-Syndrom ist oft das Basisproblem vieler Erkrankungen.

Erkrankungen, die mit einem Leaky Gut-Syndrom assoziiert sind:

  • Autoimmunerkrankungen (z. B. Zöliakie, Typ I Diabetes, Multiple Sklerose, Rheumatoide Arthritis)
  • metabolische Erkrankungen (Adipositas, Insulinresistenz, Typ II Diabetes, nicht-alkoholische Fettleber)
  • Darmerkrankungen
  • Autismus
  • Depressionen
  • Morbus Parkinson
  • Hauterkrankungen (Akne, Neurodermitis)
  • Nahrungsmittelallergien

Aufbau der Darmbarriere

Die Darmbarriere besteht aus drei Komponenten:

  1. Mucus und antimikrobielle Peptide:

Die Mucusschicht schützt, zusammen mit bestimmten Peptiden, die Darmepithelzellen vor Angriffen mit pathogenen Mikroorganismen und den direkten Kontakt mit den Darmbakterien. Bei entzündlichen Darmerkrankungen ist oft die Mucusschicht gestört, so dass Darmbakterien zu den Darmepithelzellen gelangen und dort Entzündungen auslösen können.

  1. Epithelschicht und die Tight-Junction

Die Epithelschicht ist lediglich einreihig und liegt direkt unter dem Mucus. Die Epithelzellen sind über Proteinkomplexe (Tight-Juctions) miteinander verbunden. Durch bestimmte Stoffe setzen Epithelzellen Zonulin frei, das die Öffnung der Tight-Junctions reguliert. Sind die Tight-Junctions geschwächt, geschädigt oder dauerhaft geöffnet, können Schadstoffe unkontrolliert in den Blutkreislauf gelangen.

  1. Darmassoziiertes Immunsystem

In der Bindegewebsschicht der Darmschleimhaut befinden sich Immunzellen. Sie wehren Krankheitserreger ab, müssen aber gleichzeitig eine Vielzahl von körpereigenen Zellen und Nahrungsbestandteilen tolerieren. Etwa 70 % der Immunzellen des gesamten Körpers sind hier zu finden.

Gründe für eine geschädigte Darmbarriere

Neben pathogenen Mikroorganismen wie Salmonellen und Rotaviren können Einflüsse des modernen Lebensstils unsere Darmbarriere schädigen.

Ernährung:

Studien haben nachgewiesen, dass besonders verarbeitete Lebensmittel mit Emulgatoren (z. B. Polysorbat, Saccharose-Fettsäureester) die Tight-Junctions öffnen.

Bedenklich ist dabei insbesondere, dass selbst in Säuglingsnahrung Emulgatoren erlaubt sind.

Getreide, vor allem Vollkorn, enthalten Gliadin und Lektine. Gliadin ist das Gluten des Weizens. Epithelzellen reagieren speziell auf Gliadin mit der Freisetzung von Zonulin. Zonulin wiederum öffnet die Tight-Junctions. Lektine sind pflanzeneigene Abwehrstoffe. Einige Lektine können die Durchlässigkeit der Darmwand erhöhen. Da sie hitzestabil sind, können sie durch das Kochen nicht zerstört werden.

Ein hoher Konsum von Fruktose als Süßungsmittel, wie in vielen Convenience-Produkten, steigert ebenfalls die Darmpermeabilität.

Genussmittel:

Besonders Zigarettenrauch erhöht die Zonulin-Freisetzung und damit die Entstehung chronisch-entzündlicher Darmerkrankungen. Auch Passivraucher sind davon betroffen.  

Alkohol erhöht ebenso die Durchlässigkeit der Darmbarriere.

Medikamente:

Experimente haben gezeigt, dass sich Protonenpumpen-Inhibitoren (z. B. Omeprazol, Lansoprazol und Esomeprazol) direkt auf die Tight-Junction auswirken und diese öffnen.

Nichtsteroidale Antirheumatika schädigen die Darmbarriere, indem sie die Energieproduktion der Epithelzellen schwächen und so die Tight-Junctions beeinträchtigen.

Besonders gefährlich ist, dass diese Medikamente rezeptfrei und  ohne ärztliche Aufsicht unkontrolliert eingenommen werden können.

Auch Antibiotika kann die Darmpermeabilität erhöhen.

Chronischer Stress:

Eine Studie hat eindrucksvoll gezeigt, dass Stress die mucus-bildenden Becherzellen und Tight-Junctions schon innerhalb von zwei Stunden schädigt. Leidet der Mensch unter chronischem Stress, kann sich die Darmbarriere nicht erholen und Schadstoffe gelangen so permanent in den Blutkreislauf.  

Silent Inflammation

Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind die Haupttodesursache in der westlichen Welt und korrelieren stark mit Übergewicht. Die molekularen Mechanismen dahinter waren bisher ungewiss.

Neuere Studien deuten darauf hin, dass eine undichte Darmbarriere und die dadurch resultierende Konzentrationserhöhung von Lipopolysacchariden (LPS) (Endotoxine) im Blut einer der Haupttodesursachen sind. LPS sind Oberflächenbestandteile gram-negativer Bakterien aus unserem Darmtrakt. Ein Leaky-Gut Syndrom kann die Konzentration von LPS im Blut um das Zwei- bis Dreifache ansteigen lassen. Dieser Zustand wird als „metabolische Endotoxinämie (ME)“ bezeichnet.

Es wird vermutet, dass durch ME die TLR 4-Rezeptoren in den Zellen aktiviert werden, was die Ausschüttung von entzündungsfördernden Botenstoffen (Cytokine, u. a. TNF-α, IL6) zur Folge hat. Hierdurch wird im Körper eine niedriggradige chronische Entzündungsreaktion mit erhöhtem oxidativen Stressstatus hervorgerufen (siehe untere Abb).

Die Folgen daraus sind Insulinresistenz, erhöhte Blut-Glukosespiegel und nicht-alkoholische Fettleber. Diese Faktoren führen zu Übergewicht und einem hohen Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

Die entzündungsfördernden Botenstoffe und LPS deaktivieren gemeinsam die Insulinrezeptoren (IR) an Muskel-, Leber- und Fettzellen. Daraus folgen die gefährlichen Symptome wie ein erhöhter Blutzuckerspiegel und Hyperinsulinämie, die die insulinproduzierende Bauchspeicheldrüse erschöpft. Darüber hinaus gelangt LPS über die Pfortader in die Leber und löst dort Entzündungen aus.

Die Leber kann Glukose insulinunabhängig aufnehmen. Aufgrund der hohen Glukosekonzentration im Blut nimmt sie vermehrt Glucose auf und wandelt diese in Fett um (Lipogenese).

Das Fett wird schließlich an das Blut und Fettgewebe weitergegeben. Die Endotoxine regen zudem Vorläufer-Fettzellen dazu an, sich zu vermehren – das Fettgewebe wächst. Sie produzieren ebenfalls entzündungsfördernde Botenstoffe, was die Insulinresistenz verstärkt.

Die Botenstoffe haben zudem eine hemmende Wirkung auf die Teilung weiterer Vorläufer-Fettzellen. Dadurch ist die Leber gezwungen, das aus der hohen Glukosekonzentration im Blut gebildete Fett selbst zu speichern – als Folge daraus entsteht eine nicht-alkoholische Fettleber.

Wie können wir unsere Darmbarriere unterstützen

Die Epithelzellen der Darmwand brauchen ausreichend Nährstoffe, um optimal zu funktionieren und die Tight-Junctions zu bilden bzw. geschlossen zu halten.

Nur gut genährte Becherzellen können ausreichend Mucus und antimikrobielle Peptide zum Schutz des Darmepithels bilden.

Zur Versorgung sind die Epithelzellen auf unsere Darmmikrobiota angewiesen. Denn sie bilden als Nebenprodukt den bevorzugten Nährstoff Buttersäure (Butyrat) (siehe untere Abb.).

Besonders Feacalibacterium prausnitzii bildet Buttersäure.

Ein anderes Bakterium, Akkermansia muciniphila, fördert die Neubildung der Mucusschicht. Zudem versorgt sie das Faecalibacterium durch die Verstoffwechselung von Ballaststoffen mit Nahrung (Acetat, Propionat, Oligosaccharide).

Bifidobakterien und Ruminococcus versorgen das Faecalibacterium ebenfalls mit Nahrung.

Bifidobakterien und Lactobazillen schützen unsere Tight-Junctions und das Darmepithel vor der Kolonisation durch pathogene Mikroorganismen.

Zum Überleben brauchen unsere guten Schlüsselmikrobiota ausreichend Ballaststoffe. Dazu gehören die präbiotischen Ballaststoffe Inulin, Oligosaccharide und resistente Stärke.  

Diese Ballaststoffe findet man bevorzugt in pflanzlichen Lebensmitteln wie Obst, Gemüse, Vollkorngetreide und Hülsenfrüchte.

Resistente Stärke fördert das Wachstum von Akkermansia und Faecalibacterium. Um einen gesundheitlichen Effekt zu erzielen, wird eine Zufuhr von etwa 18 g resistenter Stärke pro Tag empfohlen. Die meisten von uns konsumieren jedoch im Durchschnitt lediglich 5 g pro Tag.

Lebensmittel mit resistenter Stärke sind zum Beispiel:

  • unreife Bananen (4,7 g resistente Stärke)
  • Erbsen (1 Tasse TK-Erbsen = 4 g resistente Stärke)
  • abgekühlte Kartoffeln (4 g pro 100 g)
  • ungekochte Haferflocken (11 g pro 100 g)

Inulin ist besonders in Chicorée, Knoblauch, Pastinaken, Artischocken und Topinambur zu finden.

Besonders ballaststoffreich sind Leinsamen (39 g pro 100 g). Drei Esslöffel frisch geschrotete Leinsamen morgens zum Müsli liefern uns etwa 10 g Ballaststoffe. Dies ist bereits etwa 1/3 der empfohlenen Gesamtmenge an Ballaststoffen pro Tag.

Vollkorngetreide ist ebenfalls ballaststoffreich. Jedoch enthalten es hohe Mengen der problematischen Stoffe Gluten und Lektine. Deshalb sollte man eher auf die Pseudogetreidearten Hirse, Quinoa und Buchweizen ausweichen.

Polyphenole sind sekundäre Pflanzenstoffe, die die Pflanze vor äußeren Einflüssen schützt. Nicht nur unsere allgemeine Gesundheit profitiert von den Polyphenolen, sondern auch unsere guten Schlüsselbakterien im Darm. Polyphenole fördern das Wachstum wünschenswerter Bakterien und hemmen die Vermehrung von ungünstigen Mikroorganismen. Polyphenole sind besonders in Beeren, Trauben, Grünkohl, grünem Tee, dunkler Schokolade und Wein enthalten.

Der Konsum von tierischem Protein sollte reduzieren werden. Besonders tierische Proteine fördern das Wachstum gram-negativer Bakterien, wie Proteobacterien, die die schädlichen LPS produzieren.

Des Weiteren entsteht beim Abbau tierischer Proteine vermehrt Ammoniak und fixe Säuren, die unseren Körper belasten. Fleisch aus Massenzucht ist regelmäßig mit multiresistenten Keimen kontaminiert, die in unseren Darm gelangen und sich dort vermehren können.

Prä- und Probiotika

Laut einer Studie reduzieren Prä- und Probiotika maßgeblich die Konzentration von LPS im Blutkreislauf. 

In Deutschland wird die Empfehlung von 30 g Ballaststoffe pro Tag laut der Nationalen Verzehrsstudie II von 72 % der Bevölkerung nicht erreicht. Deshalb kann es sinnvoll sein, zusätzlich ein ballaststoffhaltiges Nahrungsergänzungsmittel (Präbiotika) einzunehmen, um für ausreichend Futter für unsere guten Darmbakterien zu sorgen.

Untersuchungen haben gezeigt, dass die Zufuhr von Probiotika mit Bifidobakterien und Lactobazillen die Epithelzellen dazu anregen, die schützenden antimikrobiellen Peptide zu bilden. Zudem verhindern sie durch das Konkurrenzausschlussprinzip die Kolonisation unerwünschter Mikroorganismen.

Das Wichtigste in Kürze:

  • Ein undichter Darm (Leaky-Gut Syndrom) ist mit vielen Krankheiten assoziiert.
  • Auslöser für ein Leaky-Gut Syndrom sind chronischer Stress, Zigarettenrauch, Emulgatoren, Medikamente, hoher Fruktosekonsum, Gluten und Lektine in Getreide.
  • Ein Leaky-Gut Syndrom führt zur Überschwemmung unseres Körpers mit Endotoxinen (LPS) und daraus resultierender Silent Inflammation.
  • Silent Inflammation führt zu Insulinresistenz, nicht-alkoholischer Fettleber und einem chronisch erhöhtem Entzündungsstatus im Körper.
  • Zur Regeneration der Darmbarriere müssen wir unsere guten Schlüsselbakterien mit einer ballaststoffreichen pflanzlichen Ernährung mit vielen Polyphenolen unterstützen.
  • Auf tierische Proteine sollte verzichtet werden, um das Wachstum schädlicher Bakterien zu reduzieren.
  • Bei der heutigen westlichen Lebensweise ist es sinnvoll, unseren Darm durch geeignete Prä- und Probiotika wieder in die richtige Balance zu bringen.

Quellen:

  • Jaspers 2019. Noch ganz dicht? Wie wir eine dichte Darmbarriere erhalten können. Naturheilkunde-kompakt, Sonderdruck aus Ausgabe April 2019
  • Neves et al. 2013. Metabolic endotoxemia: a molecular link between obesity and cardiovascular risk. Journal of Molecular Endocrinology 51:2 (51–64).
  • Singh et al. 2017. Influence of diet on the gut microbiome and implications for human health. Journal of Translational Medicine 15:73.

Wenn Du meine Arbeit gerne Unterstützen möchtest, dann freue ich mich sehr über eine gesunde Leckerei via www.PayPal.me/drrinikulke

Menü schließen